Concussion Center – Verlieren wir durch Kopfverletzungen nicht nur die Champions League?

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Der FC Liverpool verlor das diesjährige Champions League-Finale gegen Real Madrid wegen zwei Patzern seines deutschen Torwarts Loris Karius. Wenige Tage später wurde bekannt, dass dieser möglicherweise zuvor in der 49. Minute eine Gehirnerschütterung durch einen Ellenbogenschlag von Real-Verteidiger Sergio Ramos erlitten hatte und nicht mehr Herr seiner Sinne war. Ausrede oder Fakt? Prof. Dr. Ulrich Pulkowski, Chefarzt der Neurologie der imland Klinik in Rendsburg, beschäftigt sich seit mehreren Jahren als einer der wenigen Neurologen in Deutschland mit Gehirnerschütterungen („Concussion“) im Spitzensport und warnt schonungslos vor den Gefahren. Seit einigen Jahren betreut er die Spitzenhandballer des THW Kiel und steht auch mit dem Profifußball in Verbindung.

Die Sportwelt ist alarmiert

Spätestens seit des Hollywood-Krachers „Concussion – Erschütternde Wahrheit“ im Jahre 2016 wurde in Europa die Aufmerksamkeit auf Kopfverletzungen im Sport gelenkt. Der Film beschreibt die wahre Geschichte eines Neuropathologen aus den USA, der während der Obduktion eines jung verstorbenen Football-Profis eine erschütternde Entdeckung macht: Das Gehirn des Sportlers ist so schwer geschädigt, wie es normalerweise nur bei sehr alten, demenzkranken Patienten der Fall ist. Ähnliche Befunde werden im Verlauf auch bei anderen Football-Profis festgestellt, die nach ihrer Karriere durch Gedächtnisstörungen, Depressionen und Suizide oder aggressives Verhalten auffielen. „Bis heute bekämpft die National Football League (NFL) in den USA die offensichtliche Assoziation von gehäuften Gehirnerschütterungen und fatalen Gehirnveränderungen – aus Angst vor einem Publicityschaden für ihren Sport“, legt Professor Pulkowski dar. „Mittlerweile besteht jedoch so viel wissenschaftliche Evidenz für diesen Zusammenhang, dass niemand ihn noch ernsthaft abstreiten kann.“ Auch in Europa ist die Sportwelt seitdem alarmiert, da sich Zeichen mehren die darauf hindeuten, dass auch andere Kontaktsportarten wie Fußball oder Handball zu dauerhaften Gehirnschädigungen führen könnten.

Ein deutsches Handballtrauma

Seit 2016 betreut der Chefarzt neurologisch die Handballer des THW Kiel, einen der besten Handballclubs der Welt. Auch dort spürt er eine zunehmende Sensibilität für das Thema. „Neben dem direkten Kontakt des Kopfes mit dem Gegenspieler, zum Beispiel bei Ellenbogenschlägen oder – noch schlimmer – durch Zusammenstoß mit dem Torwart beim Tempogegenstoß, scheinen auch wiederholte Kopftreffer durch den hart geworfenen Handball gefährlich zu sein – insbesondere für den Torwart“, berichtet der Mediziner.  Unvergessen und ein deutsches Handballtrauma bleibt der furchtbare Unfall von Joachim Deckarm am 30. März 1978: Der damalige Weltklassespieler stürzte während eines Spieles beim Tempogegenstoß auf den Kopf und erwachte erst nach 131 Tagen wieder aus dem Koma. Seitdem ist er schwer behindert. Erstmals wird in dieser Saison den Handballern des THW Kiel eine neuropsychologische Basisuntersuchung ihrer Hirnleistung angeboten, um nach einer Kopfverletzung gegebenenfalls eine Verschlechterung nachweisen zu können. Dies geschehe aus Verantwortung des Vereins gegenüber den ihnen anvertrauten Spielern, so Viktor Szilagyi, Sportlicher Leiter des deutschen Rekordmeisters THW Kiel.

Kopfverletzungen und Spätschäden durch Kopfballspiel

In den letzten Jahren ist auch des Deutschen liebstes Kind – der Fußball – in den Fokus der Neuro-Mediziner geraten. Deutschlandweite Aufmerksamkeit bekam Prof. Pulkowski durch zwei Interviews in der „Handballwoche“ (20.02.2018), Europas größter Handballzeitschrift, und im „Kicker“ (28.05.2018), in denen er schonungslos auf die Gefahren von Kopfverletzungen im Spitzensport hinwies und die Verharmlosung anprangerte. Hierzu befindet er sich im Austausch mit Professor Inga Koerte, die als Neurowissenschaftlerin an der LMU in München sowie an der Harvard Medical School in Boston arbeitet und bereits seit mehreren Jahren vor den Folgen wiederholter „kleiner  Gehirnerschütterungen“ durch Kopfbälle im Fußball warnt. Schon in seinem Kicker-Interview forderte der Chefarzt deshalb ein Kopfballverbot für Jugendliche, wie es die USA weltweit als erster Fußballverband für Kinder unter elf Jahren eingeführt hat. Wird dennoch geköpft, gibt es dort Freistoß für den Gegner. Bei den Elf- bis 13-Jährigen ist die Anzahl der Kopfbälle im Training limitiert. Gemeinsam mit Professor Hauke Mommsen, einem der renommiertesten Sportmediziner in Norddeutschland und Mannschaftsarzt der deutschen U 21-Nationalmannschaft, versucht Professor Pulkowski auch Einfluss auf die Strukturen im Deutschen Fußballbund (DFB) zu nehmen und dem Thema Kopfverletzungen und Spätschäden durch Kopfballspiel zu mehr Aufmerksamkeit zu verhelfen.

Durchhalteparolen und Heldentum sind im Spitzensport weit verbreitet

Der Fokus auf die Gehirnerschütterungen im Sport hat in den USA vor Jahren zur Gründung sogenannter Concussion-Center geführt. In Deutschland gibt es hiervon bisher sehr wenige – das erste in Schleswig-Holstein wird derzeit von der imland Klinik aufgebaut und soll noch in diesem Jahr eröffnet werden. In diesem Zentrum für Gehirnerschütterungen im Spitzensport wird unter der Leitung von Professor Pulkowski ein multiprofessionelles interdisziplinäres Team aus Neurologen, Neurochirurgen (Prof. Stark), Unfallchirurgen (Dr. Rücker), Neuropsychologen (Frau Wendt) und ggf. Ergo- und Physiotherapeuten die betroffenen Sportler nach einem Trauma betreuen. Professor Pulkowski sieht jedoch noch wichtige zusätzliche Aufgaben: „Die Prophylaxe und insbesondere die Vorsorgeuntersuchungen sind für uns ein ebenso bedeutender Baustein der Betreuung.“ Diese sogenannten Baseline-Untersuchungen sollen einen Ausgangsstatus definieren, um nach einer Kopfverletzung Verschlechterungen objektivieren zu können. Dies ist sowohl für die Therapieplanung als auch versicherungsrechtlich von größter Bedeutung, um Ansprüche angemessen geltend machen zu können.

Eine weitere wichtige Aufgabe ist es, die Betroffenen selbst zu sensibilisieren, da Spitzensportler über viele Jahre für ihren Status trainiert und gekämpft haben und Verletzungen sowie Ausfallzeiten ihren Marktwert schwächen. Professor Pulkowski weiß: „Durchhalteparolen und Heldentum sind im Spitzensport weit verbreitet. Es gibt jedoch ein höheres Gut: körperliche und geistige Unversehrtheit bis ins hohe Alter, die einem ein selbstständiges und erfülltes Leben ermöglicht!“ Diese Unversehrtheit aus sportlichem Ehrgeiz aufs Spiel zu setzen hält der Neurologe für falsch. Entsprechend schockiert war er, Christoph Kramer im WM-Endspiel 2014 nach seinem Kopftrauma orientierungslos über das Spielfeld wanken zu sehen. Spieler, Trainer und Betreuer sollen deshalb über die Risiken wiederholter, unzureichend ausgeheilter Gehirnerschütterungen informiert werden, um im Ernstfall korrekt reagieren zu können. Die richtigen Fragen und Untersuchungen am Spielfeldrand, die frühzeitige neurologische Vorstellung und insbesondere eine anschließend ausreichend lange Erholungsphase sind der Schlüssel zu einer vollständigen Gesundung. „Eine erneute Kopfverletzung auf ein nach einem Trauma unzureichend ausgeheiltes Gehirn kann ein sogenanntes ,Second Impact Syndrom‘ auslösen, das schlimmstenfalls unweigerlich zum Tod führt“, warnt Professor Pulkowski.

Intensive und optimale Diagnostik, Therapie und Betreuung

Spitzensportler und –vereine können sich im Falle eines Kopftraumas oder zur Planung der Baseline-Untersuchungen künftig an das Concussion Center Rendsburg wenden, das an die Neurologie mit Stroke Unit der imland Klinik in Rendsburg angegliedert ist. Die über die Grenzen des Landkreises hinaus anerkannte Fachklinik ist eine der größten neurologischen Abteilungen in Schleswig-Holstein mit einer überregional zertifizierten Stroke Unit. Dort werden die Patienten auf einer Schlaganfallspezialstation von einem multiprofessionellen, speziell geschulten Team, bestehend aus Neurologen, Krankenpflege, Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie behandelt. „Ziel ist es, dem Patienten so eine rasche, intensive und optimale Diagnostik, Therapie und Betreuung zukommen zu lassen“, erklärt Professor Pulkowski.

Neben dem Schwerpunkt der Schlaganfallbehandlung werden alle neurologischen Akuterkrankungen auf höchstem Niveau behandelt, insbesondere Epilepsien, Parkinson-Erkrankungen, Gangstörungen, Multiple Sklerose, Polyneuropathien, unklare Schwindelsyndrome und Bewusstlosigkeiten. Zusätzlich zur Kooperation mit allen Fachabteilungen des Hauses besteht außerdem eine sehr intensive Zusammenarbeit mit der Neurochirurgie, der Kardiologie, der Gefäßchirurgie, der Radiologie und der hiesigen Geriatrie. Von Beginn der Diagnostik an, über die Therapie bis hin zur Rehabilitation bleibt die Behandlung in „einer Hand“, so dass Wartezeiten und Doppeluntersuchungen vermieden werden können.

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Chefarzt Prof. Dr. Ulrich Pulkowski

imland Klinik Rendsburg
Neurologie mit Stroke Unit
-Concussion Center-
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