„Jeder hat seinen eigenen Tinnitus“ – Peter Andresen, Leiter der Selbsthilfegruppe für Patienten mit Tinnitus in Rendsburg im Gespräch

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Summen, Pfeifen oder Rauschen – diese unterschiedlichen Geräusche im Ohr können Anzeichen eines Tinnitus sein. Nur der Betroffene selbst hört sie. Sie treten zeitweise oder immer, auf einem oder beiden Ohren auf. Eine genaue Ursache ist nicht bekannt, es wird aber von Störungen bei den komplexen Verbindungen von Gehirn und Gehör ausgegangen. Diese Wahrnehmungsbeeinträchtigungen können dazu führen, dass ein bleibendes Geräusch im Gehirn verankert bleibt. Tinnitus ist leider noch nicht heilbar, allerdings gibt es viele Wege, um besser mit der Erkrankung zurecht zu kommen. Peter Andresen, Leiter der Selbsthilfegruppe für Patienten mit Tinnitus in Rendsburg erklärt Behandlungsmethoden und die Abläufe in seiner Selbsthilfegruppe.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es für Patienten mit Tinnitus?

Es gibt eine ganze Reihe von Behandlungsmöglichkeiten, anerkannt ist beispielsweise die so genannte Wahrnehmungslenkung. Darunter versteht man psychologische Bewältigungsstrategien. Der Patient soll sich bewusst machen, welche Gedanken und Verhaltensweisen Einfluss auf den Tinnitus haben und sich auf jene konzentrieren, die eine positive Wirkung auf ihn haben. Das Hauptbehandlungsprogramm in den Klinken ist deshalb der Stressabbau. Stress kann mit dem sozialen Umfeld, mit dem Arbeitsumfeld und Leistungsdruck zu tun haben und ist oft Auslöser für den Tinnitus. Um Stress abzubauen, können Beratung und Gesprächstherapie in der Gruppe oder Einzelberatung hilfreich sein. Stresshormone können außerdem durch sportliche Betätigungen wie Laufen und Walken verbrannt werden. Wer nur eine halbe Stunde läuft verbrennt viele Stresshormone – danach geht es dem Patienten schon ein ganzes Stück besser. Lebensgefährlich wird es, wenn der Betroffene keinen Schlaf mehr findet und die Gedanken über Tage kreisen. Hier ist der Notarzt oder der Arzt des Vertrauens unbedingt aufzusuchen.

Stress kann mit dem sozialen Umfeld, mit dem Arbeitsumfeld und Leistungsdruck zu tun haben und ist oft Auslöser für den Tinnitus.

Was können Betroffene selbst tun, um ihre Lebensqualität zu verbessern?

Betroffene sollten ihre Symptome beim HNO-Arzt oder beim Zahnarzt gut abklären lassen. Dieser kann beurteilen, ob wirklich eine gesundheitliche Störung vorliegt wie ein Ödem oder ein Geschwür irgendwo am Ohr, das den Tinnitus auslöst. Wenn alles abgeklärt ist, der Tinnitus aber bleibt, sollte sich der Betroffene für eine psychologische Abklärung anmelden. Eine weitere Möglichkeit ist es, sich an eine Selbsthilfegruppe zu wenden. Wir können zwar keine Diagnose geben, aber wir können erzählen, wie wir selbst mit der Erkrankung umgehen. Denn jeder hat seinen eigenen Tinnitus. Vielleicht kann sich der Betroffene ein Beispiel an uns nehmen und auch so damit umgehen, ein Konzept erstellen, wie er selbst handeln möchte. Jeder, der neu in unsere Selbsthilfegruppe kommt, wird so aufgenommen, wie er ist.

Wir können zwar keine Diagnose geben, aber wir können erzählen, wie wir selbst mit der Erkrankung umgehen. Denn jeder hat seinen eigenen Tinnitus.

Welche Projekte liegen Ihnen außerhalb der Selbsthilfegruppe am Herzen?

Jahrelang habe ich an einer Schule gearbeitet. Ich hatte einen Hörsturz mit bleibendem Tinnitus. Viele Klassenräume sind akustisch sehr schlecht ausgestattet. Die Sprachverständlichkeit ist in diesen Klassenräumen für Lehrer und Schüler nicht hinreichend. Der Deutsche Schwerhörigenbund hat zusammen mit der Fachgruppe Barrierefreiheit einen Akustik-Ratgeber herausgegeben, in dem er unter anderem über Vorschriften und Richtlinien aufklärt. In diesem Bereich muss sich dringend etwas tun. Vor drei Jahren hat die Tinnitus Selbsthilfe Arbeitsgemeinschaft eine Messstrecke zur Erfassung von Nachhallzeit mit Fördermitteln beschafft. Die Messstrecke wird zukünftig in der Tinnitus-Selbsthilfe-Rendsburg in Kooperation mit den Deutschen Schwerhörigen Bund (DSB) Fachreferat Barrierefreiheit beheimatet sein. Die Betroffenen können mit ehrenamtlicher Hilfe Nachhallzeiten messen lassen. So erhalten die Verantwortlichen einen Anstoß und die viel zu lauten Kindergärten und Schulen werden hoffentlich saniert.

Weitere Informationen zum Thema finden Sie im DSB-Ratgeber zum Thema Hörgeschädgite Kinder in Regelschulen.

Kontakt
Peter Andresen
www.tinnitus-rendsburg.de

Weitere Informationen:
KIBIS-Kontaktstelle
Ahlmannstr. 2a
24768 Rendsburg
Tel. 04331 13 23-36