Time is Brain: Beim Schlaganfall geht es um jede Sekunde – Fragen an Jürgen Langemeyer, Vorsitzender des Schlaganfall-Ring Schleswig-Holstein e.V.

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Time Is Brain: Beim Schlaganfall geht es um jede Sekunde. Warum ist es so wichtig, dass der Patient schnellstmöglich behandlet wird?

Je schneller ein Schlaganfall-Patient behandelt wird, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass er keine bleibenden Schäden davon trägt. Noch vor einigen Jahren waren Betroffene häufig ihr Leben lang pflegebedürftig. Heute sind die Prognosen weitaus besser, wenn schnell gehandelt wird. Bereits zwei Minuten nach dem Schlaganfall sterben Hirnzellen ab, da sie nicht genügend mit Sauerstoff versorgt werden. Je länger also dieser Sauerstoffmangel dauert, desto schlimmer wird das betroffene Hirnareal geschädigt. Eine Lysetherapie, wie sie in der Stroke Unit der imland Klinik Rendsburg durchgeführt wird, muss innerhalb von viereinhalb Stunden nach dem Auftreten der ersten Symptome angewandt werden. Bekommt ein Patient bereits in den ersten 90 Minuten nach Beginn der Symptome eine Lysetherapie, wird jeder 4. – 5. Patient so gut wie beschwerdefrei.

Bereits zwei Minuten nach dem Schlaganfall sterben Hirnzellen ab, da sie nicht genügend mit Sauerstoff versorgt werden.

Zu welchen Beschwerden kann es nach einem Schlaganfall kommen?

Je nachdem, wie schnell der Patient behandelt wurde und in welchem Teil des Gehirns der Schlaganfall stattfand, variieren die Folgen zwischen völliger Beschwerdefreiheit bis hin zur Schwerbehinderung mit lebenslanger Pflegebedürftigkeit. Typische Folgen sind Einschränkungen der körperlichen Funktionen wie Lähmung, Sensibilitätsstörungen, eine Hirnleistungsminderung, Sprach- und Sprechstörungen und auch psychische Veränderungen. Die veränderten Lebensumstände können bei vielen Patienten bis zu einer Depression führen. Neben den medizinischen Folgen hat ein Schlaganfall aber auch Auswirkungen auf die Aktivitäten des täglichen Lebens und der gesellschaftlichen Teilhabe. Zukunftsängste, Abhängigkeit, veränderte Rollen innerhalb der Familie, Herausforderungen bei der Organisation der ambulanten Nachsorge – ein Schlaganfall bringt weit mehr mit sich als körperliche Beschwerden. Er betrifft neben dem Patienten gleichermaßen die Familie, was oft vernachlässigt wird.

Der erste Schritt ist getan, indem Patienten ihre Situation akzeptieren und Verantwortung für ihre eigene Genesung übernehmen.

Nach einem Schlaganfall ist es nicht immer leicht, motiviert an seiner Genesung zu arbeiten. Was können Betroffene tun und welche Hilfen gibt es?

Der erste Schritt ist getan, indem Patienten ihre Situation akzeptieren und Verantwortung für ihre eigene Genesung übernehmen. Das mag simpel klingen, ist aber meist ein langer Prozess mit einigen Rückschlägen. Deshalb lautet unser Rat: Hilfe zur Selbsthilfe. Nach dem Schlaganfall beginnt für den Patienten eine intensive Rehabilitationsphase, was über Jahre Disziplin und Ausdauer erfordern kann. Der Körper kann sich selbst regenerieren. Dieser Vorgang wird Neuroplastizität genannt: er sorgt dafür, dass andere Teile des Gehirns die Aufgaben des geschädigten Areals übernehmen. Dafür ist gezieltes und hochfrequentes Training notwendig. Am Wichtigsten ist es, sich nicht durch Rückschläge entmutigen zu lassen. Unterstützung erhalten Betroffene bei uns kostenfrei. Wir haben ein Servicetelefon unter der Nummer 0431 5365 9545 geschaltet, außerdem bieten wir Hausbesuche an, bei denen wir in Ruhe mit Patienten und Angehörigen sprechen können. Unser Online-Wegweiser enthält zusätzliche Informationen und wichtige Adressen, die viele Betroffene während der ambulanten Weiterversorgung benötigen. Außerdem kann der Besuch einer Selbsthilfegruppe helfen, die Krankheit besser zu verstehen und sich mit anderen Betroffenen auszutauschen. Auch hierzu haben wir unter www.schlaganfall-ring.de Informationen bereitgestellt.

Wie verhalten sich Angehörige richtig?

Für Angehörige bedeutet der Schlaganfall auch oft eine große Veränderung. Die vertraute Person kann durch die Krankheit körperlich stark eingeschränkt sein und vielleicht kann sie sich nicht mehr so gut ausdrücken. Im Umgang mit dem Patienten sollten Angehörige viel Geduld mitbringen. Ihre Aufgabe ist es, ihn zu motivieren, ohne ihn zu drängen. Was vielen Angehörigen besonders schwer fällt, aber notwendig für das Selbstvertrauen des Patienten ist: Der Betroffene sollte versuchen, Alltägliches so gut wie möglich selbstständig zu meistern. Vertrauen Sie ihm Aufgaben an, die er auch vor dem Schlaganfall erledigt hat. Auch auf die Gefahr hin, anfangs zu scheitern. Nicht zuletzt entlastet das auch die Angehörigen, die dazu neigen, sich selbst zu überlasten. Zwischendurch Zeit für sich allein oder ein Treffen mit Freunden zu haben, kann heilsam sein und spendet neue Energie.

Viele Betroffene profitieren sehr von den regelmäßigen Besuchen einer Selbsthilfegruppe. Der Austausch untereinander ist eine Quelle der Kraft, jeder hat Verständnis für die Situation der anderen.

Was sind die Aufgaben und Ziele des Schlaganfall-Rings Schleswig-Holstein?

All unsere Aktivitäten dienen primär der Stärkung der Patienten- und Angehörigenkompetenz. Wir kennen die belastende Situation nach einem Schlaganfall aus eigener Erfahrung. Betroffene stehen unter einem großen Druck und fühlen sich mit ihrer Not häufig alleingelassen. Dabei sind nach einem Schlaganfall viele Entscheidungen zu treffen. Wir können unsere Erfahrungen dazu nutzen, Patienten wie Angehörigen Orientierung zu geben und sie mit zuverlässigen Informationen zu versorgen. Gut gerüstet lassen sich die nächsten Schritte mit größerer Sicherheit planen. Außerdem versuchen wir mit unterschiedlichen Projekten einen Beitrag zur Verbesserung der Versorgungslandschaft hier im Norden zu leisten. Dazu bringen wir die Versorger aus unterschiedlichsten Disziplinen zusammen und arbeiten gemeinsam daran, bestehende Defizite der Versorgung zu identifizieren und Lösungen zu schaffen. Nicht zuletzt liegt uns der Bereich der Selbsthilfe besonders am Herzen. Viele Betroffene profitieren sehr von den regelmäßigen Besuchen einer Selbsthilfegruppe. Der Austausch untereinander ist eine Quelle der Kraft, jeder hat Verständnis für die Situation der anderen. Daher fördern wir den Austausch der Gruppen mit regelmäßigen Treffen, helfen bei Problemen in der Gruppenarbeit und bieten unsere Unterstützung als Landesverband der Schlaganfall-Selbsthilfe im Norden an.

Ihre Patientenorganisation möchte die Versorgung von Schlaganfallpatienten in Schleswig-Holstein weiter verbessern. Wie möchten Sie das erreichen und was sind Ihre nächsten Projekte?

Derzeit führen wir gemeinsam mit dem Institut für Allgemeinmedizin der CAU Kiel ein Nachsorgeprojekt durch, für das wir von der Damp-Stiftung über einen Zeitraum von drei Jahren finanzielle Unterstützung erhalten. Ziel ist es, regionale Netzwerkstrukturen zu schaffen, die individuelle Lösungen für individuelle Probleme in der Versorgung erarbeiten. Nach unserer Überzeugung kann das nur funktionieren, wenn sich die Akteure der Schlaganfallversorgung zunächst einmal kennen und dann auch zusammenarbeiten. Eine funktionierende Kommunikation zwischen einzelnen Disziplinen bringt für alle Seiten einen enormen Mehrwert mit. Der Patient, dessen größter Wunsch es ist, nach dem Schlaganfall wieder gesund zu werden, profitiert stark vom Austausch seiner Behandler und kann deutlich zielorientierter versorgt werden. Den Netzpartnern vor Ort bieten wir zudem unsere Ausbildung zum Schlaganfall-Helfer an, die wir seit Herbst 2016 in Schleswig-Holstein durchführen. Die 2-tägige Ausbildung sensibilisiert die Teilnehmer für die Situation von Patienten und Angehörigen und schult die wichtigsten Aspekte zum Thema Sozialrecht. Die Teilnehmer werden zertifiziert und stehen Betroffenen als qualifizierte Ansprechpartner zur Verfügung. Eines unserer nächsten Vorhaben ist es, die flächendeckende Bereitstellung von Schlaganfall-Helfern und -Mentoren weiter voranzubringen und zu professionalisieren.

Was ist die Schlaganfall-Ring-Box und wie kann Patienten damit geholfen werden?

Die Schlaganfall-Ring-Box ist im Grunde ein Instrument, mit dem der Patient die Kommunikation mit seinen Behandlern und anderen an der Versorgung beteiligten Parteien verbessern kann. Es handelt sich hierbei um eine Kunststoffbox mit 84 Karten, von denen jede eine mögliche Schlaganfall-Folge beschreibt. Der Patient entscheidet beim erstmaligen Durchgehen der Karten, ob er von den beschriebenen Folgen betroffen ist oder nicht. Am Ende ergibt sich ein umfassendes Bild über den Gesamtzustand nach dem Schlaganfall. Dank dieser Informationen kann der Patient seine Defizite exakt benennen und im nächsten Schritt Ziele formulieren. Er kann beispielsweise Einfluss auf die Therapieplanung nehmen, besser mit seinen Ärzten kommunizieren oder die Informationen zum Ausfüllen von Anträgen nutzen. Dauerhaft eingesetzt bildet die Schlaganfall-Ring-Box den Status Quo ab und gibt einen permanenten Überblick über Behandlungserfolge und –ziele. Damit dient sie nicht nur der effizienteren Kommunikation, sondern vor allem auch der Motivation des Patienten. Die Box kann bei uns bestellt werden; an Betroffene aus Schleswig-Holstein und Hamburg können wir sie dank der Unterstützung von Sponsoren kostenfrei abgeben. Als nächstes werden wir den Schritt der Digitalisierung gehen und dieses Tool als App entwickeln lassen.

Wie können Betroffene und deren Angehörige Sie erreichen?

Am einfachsten funktioniert die Kontaktaufnahme über unser Servicetelefon unter der Rufnummer 0431 5365 9545. Dort können sich Patienten wie auch Angehörige Informationen und Unterstützung holen. Oft entsteht aus dem ersten Telefonkontakt ein persönlicher Beratungstermin bei den Betroffenen Zuhause. Die Kontaktaufnahme per E-Mail ist allerdings genauso möglich. Unter mail@schlaganfall-ring.de sind wir jederzeit erreichbar. Alle unsere Beratungs- und Unterstützungsangebote bieten wir kostenfrei an.

Kontakt
Jürgen Langemeyer
Schlaganfall-Ring Schleswig-Holstein e. V.
Dahlmannstraße 1
24103 Kiel

Telefon: 0431 53657435
E-Mail: mail@schlaganfall-sh.de
www.schlaganfall-ring.de